Mediaval-Bote

Nachrichten vom Goldberg

Editorial

Rhea Lange Rhea Lange

Geht es euch auch so, dass ein Jahr unglaublich schnell vergeht? Im letzten Jahr, dem 10-Jährigen Jubiläum des Festival-Mediaval erschien zum ersten Mal der Mediaval-Bote. Es war ein Abenteuer auf das wir uns einließen und war jeden einzelnen Tag nicht ohne Stress. Immerhin haben wir so etwas noch nie gemacht und zugegebenermaßen war auch ich vorher noch nie Chefredakteurin einer Zeitung. Aber das positive Feedback, welches wir im letzten Jahr jeden Tag von euch bekamen, war Dank genug für die viele Arbeit. Daher wird es natürlich auch in diesem Jahr jeden Festivaltag eine Ausgabe des Mediaval-Boten geben. Ich kann euch sogar mitteilen, dass wir, ganz wie unser Festivalprogramm in diesem Jahr, noch eins draufsetzen werden: Es wird nicht nur an den Festivaltagen Ausgaben geben, sondern auch noch eine zusätzliche Abschlussausgabe am Montag nach dem Festival! Ich hoffe euch wird der Mediaval-Bote auch in diesem Jahr gut gefallen. Mein Redaktionsteam und ich haben auch in diesem Jahr keinerlei Mühen und Anstrengungen gescheut, um euch in diesem Jahr eine interessante Zeitung bieten zu können! Ich wünsche euch also hiermit in den kommenden fünf Tagen ein unterhaltsames Lesevergnügen!

Rhea

Der Fluch des Drachen - LIVE – ein Fantastical

„Es war einmal in einem fernen Land weit vor unserer Zeit ...“ – so beginnen wohlbekannte Märchen und moderne Fantasystories. „Der Fluch des Drachen“ inszeniert diese Spielweise in einer zeitgenössischen und unterhaltsamen Bühnenperformance. Johannes Steck, Schauspieler, Sprachkünstler und eine der bekanntesten Hörbuchstimmen Deutschlands bringt gemeinsam mit den Königen der Spielleute Corvus Corax die herausragende Fantasy-Story von Markus Heitz, dem erfolgreichsten deutschen Fantasyautor (u.a. Die Zwerge), auf die Bühne: Der Fluch des Drachen live! Johannes Steck und Corvus Corax lassen mit einmaliger Erzählkunst und historischen selbstgebauten Instrumenten die Geschichte des Schmieds Adamas lebendig werden: In Anlehnung an die Tradition der mündlichen Überlieferung erzählt Johannes Steck, der Magier der Stimmen, eine Geschichte von Liebe und Leid, Freundschaft und Feindschaft, Mut und Macht, wie sie bereits Jahrhunderte existieren könnte. Die Protagonisten und Figuren dieser Geschichte werden dabei nicht nur durch Schauspieler und fantastische Kostüme lebendig; durch die herausragende Erzählweise, die einmalige untermalende Klang-Atmosphäre, geheimnisvolle Schattenspiele und die eingängigen Charaktersongs der Darsteller wird der Zuschauer in den Bann des „Fluchs des Drachen“ gezogen und begibt sich auf eine Reise durch die grenzenlose Welt der Phantasie. Mit dem „Fluch des Drachen“ schuf Markus Heitz eine moderne Fantasystory, die historische Motive mit zeitgenössischem Humor und postmoderner Leichtigkeit vereint. Sie erzählt die mitreißende Geschichte des Schmieds Adamas, der aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten ausgestoßen wird. Dadurch zu einem Leben auf Reisen gezwungen, begegnet er den unterschiedlichsten Charakteren, wohlgesonnen wie feindlich, wird in Machtkämpfe und Intrigen verwickelt, bis sich schließlich die Geheimnisse um seine Begabungen lüften. Die musikalische Raffinesse von Corvus Corax wird in der Live-Inszenierung von Felix Powroslo (u.a. Blue Man Group) durch überzeugende Gesangsparts ergänzt. Corvus Corax übernehmen dabei drei Charakterrollen der Story selbst: Castus verkörpert den König Phillip den Schönen, Norri inszeniert den Magier Alchemos und Frick übernimmt die Rolle des Kriegers Leander. Für die weiteren Rollen konnten sowohl erfahrene Musicaldarsteller als auch einzigartige Musiker gewonnen werden: Marcus Gorstein (u.a. Jesus Christ Superstar) als Schmied Adamas, Maxi Kerber (Die Betties) als Kriegertocher Leandra, Ji-In Cho (Krypteria, And then she came) als Hexe Runa und Shigeru sowie Katja Moslehner (ehemals Faun) als Königstochter Marlies. Mit diesem Ensemble, das durch mannigfaltige besondere Fähigkeiten glänzt, wird „Der Fluch des Drachen“ zu einem Live-Event für die ganze Familie. Ganz im Sinne des klassischen „Geschichten Erzählens“ wird das Publikum auf eine Reise mitgenommen, die bei Jung und Alt begeistert und noch lange in guter Erinnerung bleiben wird ...

Rhea Lange

Festival-Mediaval CZ

Wenn man Erwachsen geworden ist kann man schon einmal über ein Baby nachdenken. Und so hat es nach einigen Verhandlungen im 11. Jahr des Bestehens des Festival-Mediaval doch tatsächlich geklappt. Das Baby ist da. Das Festival-Mediaval Tschechien im beschaulichen Aš öffnete pünktlich am 01.09 um 10.00 Uhr seine Tore. Mit der Location am Hainbergturm hat man ein ideales Festivalgelände gefunden. Selbst Pavel Klepáček, zweiter Bürgermeister von Aš staunte nicht schlecht, wie sich das Festivalgelände innerhalb von zwei Tagen verwandelte. Wie er dann auch in der gemeinsamen Begrüßung mit Blaecky Schwarz betonte. Dass so etwas in so kurzer Zeit überhaupt möglich ist, liegt vor allem an der hochmotivierten und eingespielten Helfertruppe die Veranstalter Blaecky Schwarz mit nach Aš gebracht hat. Sie machten einen großartigen Job. Die Voraussetzungen sind für Festivalgäste übrigens geradezu ideal. Der Zeltplatz ist auf dem Festivalgelände, die sanitären Anlagen vorbildlich und der Parkplatz direkt vor dem Eingang ist auch nicht zu verachten.
„Grenzen überwinden“ das ist das Ziel dieses Festivals. Die Menschen zusammenzubringen, sie zu unterhalten und aus Nachbarn Freunde machen. In einer Zeit, in der Rassismus immer mehr zuzunehmen scheint, in der vor allem die ewig Gestrigen immer mehr Gehör zu finden scheinen, sind solche Festivals eine tolle Möglichkeit aufeinander zuzugehen und voneinander und übereinander auch zu lernen. Leider machten davon im ersten Jahr sehr wenige Menschen Gebrauch. Das war der größte Wermutstropfen des Wochenendes. Denn die Besucherzahlen blieben doch weit unter den Erwartungen zurück. Das ist umso trauriger, da das Programm, wie man es ja von Selb gewohnt ist, absolut sehenswert war. Wer nicht dort war, hat definitiv vieles verpasst, nicht nur einen sehr beeindruckenden Auftritt des absoluten Headliner des Abends, Omnia.
Die kamen gleich mit einer 10 Mann starken Truppe an. Nachdem Steve und Jenny beschlossen haben in diesem Jahr nur 2 Konzerte zu spielen kam es nicht ganz überraschend zum Split mit den bisherigen Bandmitgliedern und der Crew. Die müssen halt irgendwie auch von etwas leben, ohne Live-Auftritte ist das nicht möglich. Und während Satria Karsono mit seiner Band Sunfire unterwegs ist, treiben Rob und Daphyd mit Thundercrow ihr eigenes musikalisches Projekt weiter voran. So war man auf der Suche nach neuen Musikern für diese 2 Shows, keine leichte Aufgabe. Ohne die Spannung und Vorfreude auf den Auftritt in Selb schmälern zu wollen, aber die Suche war mehr als erfolgreich. Auch nach der Zugabe wollten die Zugaberufe noch immer nicht enden, so dass Steve extra nochmals für ein Dankeschön auf die Bühne kam.
Das Omnia Collective aus Holland, Irland, Deutschland und Bulgarien funktionierte in Aš großartig. Annicke von der Band Shireen, Sara, Koen und sein Bruder Lars die normalerweise bei der holländischen Pagan Folkband SeeD spielen, Peter von Irfan, das Omnia-Urgestein Joe, der auch bei Shantalla spielt, sowie Steve und Jenny haben wirklich fleißig gearbeitet um eine großartige Show abzuliefern. Das ist ihnen wahrlich gelungen und wird sicher auch morgen den Goldberg zum Beben bringen. Zwei fehlen in der Aufzählung noch. Der eine, das musikalische Genie Christopher Juul aus Dänemark hat auch bei der Show sichtbar seine kreativen Spuren hinterlassen und dann gibt es noch einen den die treuen Festival-Mediaval Besucher vielleicht ganz anders kennen. Nämlich Jakob, ein treuer Helfer des Festival-Mediavals und Fan der Musik von Omnia, der nun den Sound der Band an den Percussions bereichert.
Der Aufwand war enorm, das Ergebnis war in As musikalisch und showtechnisch großes Kino. Ich bin noch immer ziemlich sprachlos und kann den zweiten Auftritt kaum erwarten. Mehr soll aber nicht verraten werden. Es gibt so viele die wissen wollen, wie es mit Omnia danach weitergeht. Eine Frage die wohl nicht mal Steve und Jenny im Moment beantworten können (siehe auch Interview am Freitag mit Annicke Shireen). Umso mehr sollte man am Freitag die Show genießen. Omnia waren aber nicht das einzige Highlight des Wochenendes. Über 400 Auftritte haben inzwischen Celtica Pipes Rock absolviert. Celtica sind seit 2012 kontinuierlich auf Tour, sie schaffen es auch schon mal innerhalb 48 Stunden in Österreich, Spanien und England aufzutreten.
Duncan Knight und Jane Espie mit ihrer „Great Highland Bagpipe“, die großartige Violinistin Aya Georgieva, Gajus Stappen an der Gitarre, Harald Weinkum am Bass und Matthias Katzmair an den Drums faszinierten mit ihrer Mischung aus Dudelsacksound und Klassik, garniert mit viel Feuer.
Steamphonia bläst einen echt weg, wer keinen Dudelsack mag den wohl allerdings auch. Aber selbst die sollten sich Celtica einmal anschauen gerade live ist die „Österreichische Band“ ein echtes Highlight für jedes Festival.
Begonnen hat das Musikprogramm am Samstag übrigens mit der tschechischen Band Bohemian Bards, bei denen es sich ganz besonders lohnte auf die Nachbauten von mittelalterlichen Instrumenten zu gucken. Ihr Auftritt brachte dem Publikum die musikalische Welt des Mittelalters auf sehr klassische Weise näher.
Mit Euphorica folgte danach eine eher weltmusikalisch ausgerichtete Damenband aus Tschechien die die Besucher des Festival-Mediavals ja bereits bestens kennen. Die Band ist ja eine echte Rarität, reine Damenbands gibt es ja im ganzen Musikbusiness recht wenige. In so schönen Mittelalterkleidern fällt mir überhaupt keine ein. Somit kommt bei Euphorica auch die Optik keinesfalls zu kurz. Auch der Auftritt war deutlich überzeugender als zuletzt in Selb.
Sind Euphorica, Celtica und natürlich Omnia bestens bekannt, hatte man beim Blick auf das Musikprogramm vom Sonntag sicher einige Fragezeichen im Gesicht. Für regelmäßige Festival-Mediavalbesucher dürfte die bekannteste Grex Confusus aus den benachbarten Hohenberg gewesen sein. Die Jungs hatten sichtbar Spaß endlich mal wieder mit voller Wucht auf die Trommeln zu hauen und waren ein perfekter Weckruf für den zweiten Festivaltag.
Richtig bitter startete das Konzert von Bran. Ich kann mich an kein Konzert erinnern, bei der zu Beginn nicht wenigstens einige Leute vor der Bühne standen. Bei Bran war keiner da. Bis zu dem Moment als Robert Fischmann zu singen begann. Von dem Moment an versammelten sich immer mehr Menschen vor der Bühne. Selbst die Helfer machten für ein Tänzchen eine Pause und auch Blaecky schwang das Tanzbein. Es hatte auch was echt Magisches die sanftweiche Stimme des Sängers und die in Finnisch (!), Tschechisch und sehr oft Französisch gesungenen Songs im Nebel des Heinbergs zu hören. Bran waren ein absolutes Kontrastprogramm, zu allen Bands zuvor. Und sie fesselten alle an diesem Tag. „Bran, das ist Musik, die auf alten bretonischen Folkloremotiven, alten Tänzen und Meeresliedern basiert“ konnte man auf der Website zum Festival lesen. Recht viel mehr findet man über die Band nicht. In Deutschland sind sie ein unbeschriebenes Blatt. Das wird sich aber sicher im nächsten Jahr ändern. Blaecky hat mit Bran mal wieder sein Händchen großartige Bands aus dem Hut zu zaubern eindrucksvoll bewiesen. Und ich hoffe, dass mich Blaecky dafür jetzt nicht für die Zukunft als Fotograf auslädt, wenn ich jetzt verrate, dass Bran im nächsten Jahr in Selb auftreten werden. Man darf sich schon heute unglaublich darauf freuen, gerade Liebhaber von bretonischer Folkmusik und generell von französischen Klängen sollten sich den Tag dick im Kalender anstreichen.
KrokeZu Kroke möchte ich wieder die Festivalwebsite zitieren. „Die polnische Band Kroke - übrigens der jiddische Begriff für Krakau, der Stadt aus dem auch die drei Musiker kommen – wurde bereits 1992 gegründet und mauserte sich zu einer der erfolgreichsten international tätigen Weltmusikbands. Sogar Steven Spielberg lud sie schon ein und auch auf dem ein oder anderen Filmsoundtrack, zum Beispiel auf dem Soundtrack von David Lynchs „Inland Empire“ sind Kroke vertreten.“
Zusammen mit Nigel Kennedy hat man übrigens das Album „East meets East“ aufgenommen, Avantgarde trifft Klezmer Musik. Die drei Musiker sind außerdem Fans von progressiven Klängen, jüdischer Musik und natürlich Jazz. All dies kann man in Perfektion an diesem Abend erleben, und damit wurde erneut an diesem Wochenende eine völlig andere Musikrichtung dem Publikum auf beeindruckende Weise nähergebracht.
Natürlich kam beim Festival-Mediaval CZ auch das Rahmenprogramm nicht zu kurz. Die Theater und Showkampftruppe Fratres-in Armis unterhielt das Publikum mehrmals am Tag. Genauso wie das Wagabundus Collective, die neben der Jonglage auch das Spiel mit den Diabolos perfekt beherrschten. Kahira nahmen diesmal (urlaubsbedingt) zu zweit das Publikum auf ihre sehr unterhaltsame und optisch immer wieder bei den Auftritten anders präsentierten tänzerischen Reise nach Bollywood mit. Und die australische Feuerkünstlerin „Miss Fey the Fire Faerie“, wie sie sich auf Instagram und Facebook nennt sorgte an beiden Tagen für „feurige“ Unterhaltung. Übrigens auch beim Festival-Mediaval ab Donnerstag.

Ein kleiner aber feiner Markt, viel leckeres Essen und die perfekte Organisation rundeten das hoffentlich auch im nächsten Jahr stattfindende Festival ab. Die Voraussetzungen sind in Aš perfekt, besser geht’s kaum. Nun gilt es aus den Fehlern im Vorfeld (zum Beispiel was die Bewerbung der Veranstaltung betrifft) zu lernen und dann im nächsten Jahr mit hoffentlich weit mehr Besuchern den zweiten Geburtstag des „Mediaval-Babys“ zu feiern.
Lassen wir zum Abschluss noch zwei Besucherinnen des Festivals zu Wort kommen…

Bernd Sonntag

Künstlerinterview: Ji-In Cho (And then She Came, Der Fluch des Drachen)

Am heutigen ersten Konzerttag steht mit Ji-In Cho eine deutsche Musikerin mit koreanischer Abstimmung im Rampenlicht. Zuerst kann man sie mit ihrer Band „And then she came“ erleben. Danach steht sie mit „Corvus Corax“ bei deren Fantastical „Der Fluch des Drachen“ auf der Bühne.
Die deutsche Rockband „And then she came“ ist quasi die Nachfolgeband von Krypteria mit praktisch den gleichen Musikern. Und die haben bei ihrem Auftritt in Selb 2011 so begeistert, dass man auch beim „Best of“ an den Jungs aus Aachen um ihre charismatische Frontfrau Ji-In Cho nicht herumkam. Die Musik hat sich aber etwas verändert, statt Symphonic Metal gibt es nun „New Rock“ aufs Ohr. So auffällig wie der kleine Wirbelwind auf der Bühne agiert, so zurückhaltend ist Ji-In abseits der Bühne. Auch die Interviews sind dünn gesät, umso mehr freuen wir uns, dass das sympathische Wesen für uns eine Ausnahme gemacht hat, herzlichen Dank dafür. Viel Spaß mit Ji-In Cho, natürlich dann später auch auf der Bühne.
Ji-IN du warst ja mit Krypteria schon einmal beim Festival Mediaval dabei und hast mit deiner damaligen Band Krypteria das Publikum völlig fasziniert. Mir ist ja damals die Kinnlade runtergefallen. Welche Erinnerungen hast Du denn noch an das Festival und auf was freust Du dich besonders?
Ich erinnere mich sehr gut daran, dass wir mit gemischten Gefühlen zum Festival fuhren. Wir waren - soweit ich mich recht entsinne - die einzigen, die man nicht der klassischen Mittelaltermusik zuordnen konnte und wir wussten nicht, wie wir ankommen würden. Umso überraschter waren wir über diese sehr positiven Reaktionen auf unsere Musik und ich habe noch sehr gut im Kopf, wie wir uns nach der Show mit einem fetten Grinsen auf dem Festivalgelände herumtrieben, weil wir so glücklich und dankbar darüber waren, dass die Festivalbesucher uns so offen und freundlich empfangen hatten. Ich freue mich sehr auf dieses Festival. Beim letzten Mal habe ich diese friedliche Atmosphäre dort sehr genossen und mich hat die wundervoll unprätentiöse Art der Menschen beeindruckt. Ich kann mich aber leider auch diesmal nicht davon freisprechen, dass ich mit einer gewissen Nervosität den Reaktionen unseres Publikums entgegenfiebere, wo wir doch unter einem anderen Namen und mit neuer, noch fernliegender Musik im Gepäck aufschlagen. Ich hoffe sehr, dass wir auch diesmal die Feuertaufe bestehen.
Man sagt ja immer, dass Castingshows eher ein Karrierekiller sind, für Dich war es aber das Sprungbrett ins Musikbusiness oder?
Was das Business angeht - auf jeden Fall! Das war zwar schon ein sehr krasser Sprung von der behütenden Musikhochschule, in der es für mich allein um die Kunst und nicht um Marketing und Zahlen ging, zu dieser auf Quoten ausgelegten Castingshow, aber letztendlich habe ich daraus eine Menge gelernt. Danach wusste ich, was für mich ein absolutes No-Go ist und was ich auf der negativen Seite im sogenannten Showbusiness zu akzeptieren lernen musste.
Du hast evangelische Theologie studiert. Ich glaube, wenn Du predigen würdest hätte die Kirche nicht so mit den Kirchenaustritten zu kämpfen. Was bedeutet Dir dein Glaube und war das nie eine Option diesen Weg einzuschlagen?
Haha, ich lach' mich schlapp - ich glaube eher, die Leute wären tierisch genervt von mir, denn wenn ich mich einmal richtig in Rage geredet habe, höre ich nicht mehr auf. Mir bedeutet der Glaube fast alles - wobei ich nicht unbedingt den Glauben an Gott meine. Es kann der Glaube an irgendetwas, z.B. an das Gute an sich sein. Ich wollte schon immer verstehen, warum es Menschen gibt, die wohlweislich Böses tun oder warum unschuldigen Menschen Böses widerfährt, habe aber bis heute keine alles beantwortende Lösung parat. Ich war tatsächlich auch mal bereit, Nonne zu werden, weil ich mich dieser Suche komplett hingeben wollte. Aber dieser Gedanke hielt nicht lange an - dazu bin ich nicht selbstlos genug.
Krypteria ist scheinbar Geschichte, dafür gibt es ja jetzt And then she came. Und wie es der Zufall so will kommt kurz nach dem Festival-Mediaval die neue CD heraus und kurz danach startet Euere erste Tour u.a. auch mit einem Auftritt in Nürnberg. Wird das dann heute ein Releasekonzert und was erwartet einen denn beim neuen Album?
Vielleicht ein bißchen - ich habe das zwar so noch nicht betrachtet, weil wir doch auch viele alte Songs spielen, aber natürlich werden wir auch ein paar noch nicht veröffentlichte Songs vorstellen. Das macht das Ganze äußerst aufregend, weil wir natürlich darauf gespannt sind, wie die Leute das aufnehmen werden und während ich mich das so äußern höre, werde ich ganz kribbelig. "Kaosystematiq" ist nicht nur vom Coverartwork her bunt, sondern auch der musikalische Inhalt geht von lieblichen über harten und kantigen bis zu ironischen und poppigen Klängen. Es ist ein Potpourri, gestaltet von uns vier sehr unterschiedlichen Charakteren mit verschiedenen Musikeinflüssen und -Vorlieben und wir lieben es, alles reinwerfen zu dürfen, was uns bewegt. Daher auch der Name des Albums: Wir haben nix geplant und das mit System, hahaha..
Die Besucher des Festivals haben ja heute besonderes Glück, da sie dich gleich zweimal erleben dürfen. Als „Rampensau“ mit New Rock mit And then she came und als Hexe und singendes Gepäckstück im „Fluch des Drachen“. Wie ist es denn zu der Zusammenarbeit mit Corvus Corax gekommen?
Ja, das ist für mich heute ein absoluter Glückstag! Wir hatten früher mal die gleiche Managerin und hatten uns daher schon einmal kennengelernt. Ich mochte Corvus Corax vorher schon, aber jetzt durch das Touren seit letztem Jahr mit ihnen, bin ich ein megagroßer Fan vom privaten Castus, Norri, Hatz, Jordon, Vit und Michi. Sie sind einfach nicht nur tolle Musiker sondern auch hinter der Bühne sehr feine Menschen, mit denen man sich großartig über das Leben in all' seinen Facetten unterhalten kann. Und jedes Mal denke ich: "Mann, Du musst noch so viel lernen und erleben!"
Du wurdest ja in Korea zu einer von den 50 wichtigsten Persönlichkeiten Koreas im Ausland gewählt (zum Beispiel neben dem Fußballer Heung-min Son). Du bist aber wenn ich richtig informiert bin in Deutschland geboren. Wie sind denn deine Verbindungen nach Korea, mit Krypteria seid ihr ja auch dort aufgetreten? Steht das mit And then she came auch an?
Der größte Teil meiner Familie lebt dort und da ich mit dem Bewusstsein aufwuchs, dass Familie mitunter das Wichtigste im Leben ist, war die Verbindung immer sehr stark, auch wenn ich als Kind nicht oft dahin reiste. Meine Eltern erzählten mir während meiner Kindheit viel von meinem Opa, weil dieser wirklich sehr weise und liebenswürdig war und das führte dazu, dass ich davon ausging, dass alle Menschen in Korea so wären. Ich weiß noch, dass ich als Kleinkind bei meiner ersten Reise dahin dachte, alle Koreaner am Flughafen wären weise und liebenswürdig und auch Teil meiner Familie. Spätestens als wir mit Krypteria dann auch die zwar liebenswürdigen aber total aufgekratzten und ausgeflippten Fans kennenlernten, wurde mein Bild von Korea korrigiert - das hatte mit Weisheit nun wirklich nichts mehr zu tun, haha..
Noch waren wir nicht mit And then she came da, aber bei mir persönlich steht das ganz oben auf der Liste.
Soviel ich weiß war Corvus Corax ja noch nie in Korea, da bietet es sich doch an beide Projekte zusammen in Korea zu präsentieren. Und Johannes Steck als Meister der Stimmen kriegt bestimmt auch Koreanisch hin. Wie denkst Du darüber? Ist sowas denkbar?
Das wäre wundervoll!! Ich bin mir sicher, das käme dort super an!! Nur ob Johannes dann auch koreanisch sprechen lernen mag, wage ich etwas zu bezweifeln.. aber ich kann ihn ja auch einfach mal fragen...haha..
Du singst bei And then she came Englisch und in den Texten geht es um Mobbing, Geschäftemacherei auf Kosten anderer und die Medienberichterstattung um nur mal 3 Themen aufzugreifen. Beim Drachen singst Du ja in Deutsch und das klingt großartig. Wäre es nicht auch für And then she came eine Option, die Leute würden ja auch die Texte noch besser verstehen? Wie fühlt es sich denn an Deutsch zu singen?
Es fühlt sich sehr gut an - ich muss aber auch gestehen, dass ich mir darüber bei Fluch des Drachen keine Gedanken gemacht habe. Es war völlig klar in Deutsch zu singen, aber ehrlich gesagt, fühlt es sich für mich auch total natürlich an, unsere Songs auf Englisch zu singen. Wobei wir ja auch schon die deutsche, französische, spanische und sogar koreanische Sprache in unser erstes Album eingebaut haben. Mal sehen, was kommt.. wir sind ja für fast alles offen!
Du stehst als bildhübsche Frontfrau ja immer im Rampenlicht, hast in Wacken vor 65000 Menschen gespielt und bist immer ein beliebtes Fotomotiv. Trotzdem ist in der Presse erstaunlich wenig über Ji-In zu finden und auch Interviews sind eher selten. Mein Eindruck ist, dass die Bühnen Ji-In mit dem Menschen nicht sehr viel gemeinsam hat. Ist mein Endruck da richtig und was sollte man denn über die private Ji-In wissen?
Naja, ich bin leider schon etwas zwiegespalten, was das angeht. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und mit den Menschen Spaß zu haben, aber sobald ich diese verlasse, bin ich gerne inkognito. Daher bin ich auch nicht im Socialmediabereich vorzufinden, weil ich mir aber auch einfach nicht vorstellen kann, was an meinem Leben hinter der Bühne interessant sein sollte. Ich lebe da ein ganz normales Leben wie jeder andere auch und möchte das auch so.
Du bist ja inzwischen stolze Mutter und hast ja auch eine Zeit lang pausiert bis Deine Krypteria-Jungs wegen And then she came auf dich zugekommen sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist Beruf, Hobbies und Familie vernünftig unter einen Hut zu bringen. Und grad als Musiker stell ich mir das besonders schwierig vor, wie zum Beispiel bei der anstehenden Tour. Wie kriegst Du das denn auf die Reihe und hat sich das Leben sehr verändert dadurch?
Ja, die Geburt eines Kindes ändert das Leben total und stellt alles auf den Kopf. Aber das wollte ich ja auch so. Ich habe großes Glück, dass meine Familie und mein Umfeld mich so toll unterstützen. Ich kann zwar nicht mehr so viel touren wie früher - meine Familie hat oberste Priorität - aber durch die Hilfe meiner Vertrauenspersonen schaffe ich dann doch immer wieder den Spagat zwischen Mutterdasein und Musikerin. Dafür kann ich nicht dankbar genug sein, denn komplett ohne Musik und meiner Band würde ich eingehen wie eine Primel.
Hast Du Zeit trotz der beiden Auftritte am Donnerstag noch etwas Festivalatmosphäre zu schnuppern oder den Kollegen zuzuschauen? Ich kann mich noch gut erinnern, dass Du in Ulm ziemlich fasziniert Eisbrecher angeschaut hast. Gibt es jemand den du besonders gerne sehen würdest?
Ich fürchte, dass ich an dem Tag leider nicht viel mitkriegen werde, weil ich mich ja auf zwei Shows konzentrieren muss. Aber ich möchte auf jeden Fall Eric und Co. von Subway to Sally wiedertreffen - die habe ich schon lange nicht mehr gesehen; ich erinnere mich sehr gerne an unsere gemeinsame Tour, bei der wir sie begleiten durften.

Markthändler: Macramania

Basseltan

Macramania, das sind Yanti & Maki. Sie entwerfen und fertigen Schmuck aus Knüpfwerk, Metall und ausgewählten Steinen. Sie leben seit ungefähr fünf Jahren hauptberuflich da-von und fühlen sich sehr wohl dabei. Ab und an kreieren sie zusätzlich Kleidung, welche Yanti näht, oder die sie in Produktion geben. Wie kommt man darauf, Schmuck zu knüpfen? Der Werdegang ist ein bisschen vom Zu-fall geprägt, genau wie die Entstehung des Namens Maki: Eigentlich heißt er Maik. Doch ein Freund hat durch einen Schreibfehler versehentlich Maki aus ihm gemacht. Dieser Freund nannte ihn fortan so, dann auch andere Freunde und Bekannte. Schließlich über-nahm er selbst diesen Namen Doch zurück zum Makramee.
Maki hat Yanti, seine Frau, auf den Kanaren im Jahr 2011 kennengelernt. Er war auf Rei-sen und sie hat damals schon ein bisschen Schmuck gemacht. Er hat dort auch andere Menschen getroffen, die von diesem Kunsthandwerk lebten. Er ließ es sich beibringen, übte und übte und schließlich beschlossen Beide, damit ihren Lebensunterhalt zu bestrei-ten. Und das gelingt ihnen mittlerweile sehr gut. Sie besuchen Mittelaltermärkte und Musikfestivals. Auf Mittelaltermärkten wird diese Art des handgefertigten Schmuckes allerdings am meisten wertgeschätzt, da das Publikum einen feinen Sinn für qualitativ hochwertige, handgemachte Ware besitzt. Zudem ist es den Menschen auch wichtig, dass die Schmuckstücke nicht zweifelhafter Herkunft sind, was heißt, dass auch die Fertigungsbedingungen einwandfrei sein müssen. Mittlerweile verkaufen Yanti und Maki mehr und mehr Schmuck über das Internet. Sie schätzen diesen Vertriebsweg sehr, denn die Kunden können sich die Farbe der Garne und die Schmucksteine aussuchen, mit welchen das Werkstück gestaltet werden soll. Ich finde ihre Schmuckstücke sehr kunstvoll gestaltet, detailverliebt, ungewöhnlich und sehr wertig gearbeitet.

Elkesch

Lagergruppe: Die Köhler

Basseltan Basseltan

Auf meine Frage, wie lange es die Köhler gibt, antwortet mir Hermann Summa, den ich für Euch interviewt habe, dass sie im Selber Forst vor Jahrhunderten zuhause waren. Durch das Auffinden der Steinkohle und ihren Abbau ging das Köhlerhandwerk dramatisch zurück und in der Umgebung von Selb verschwand es faktisch komplett. 1995 hat man ein Projekt ins Leben gerufen, um die Köhlerei im Selber Forst wieder zu beleben.
Diese ist mittlerweile immaterielles Kulturerbe.
Zum Festival-Mediaval zu kommen, erschien der Gruppe ganz natürlich, da sie bei dieser Arbeit ja praktisch im Mittelalter arbeiten und leben. Sie tragen die historische Köhlergewandung. Die Meilerwoche auf der Häusellohe, bei der sich die Köhler einem breiten Publikum vorstellen, hat sich immer weiter entwickelt. Alte Handwerkstechniken, Teerbrennerei, der Bau eines Meilers und daraus resultierend die Gewinnung der Holzkohle, welche dort gezeigt werden, gehören ins Mittelalter. Daher war es nur logisch, dies auch den Festival-Besuchern zugänglich zu machen. Sie sind nun schon zum sechsten Mal mit ihrem Lager auf dem Platz vertreten. Der Pechstein ist schon seit fünf Jahren auf dem Goldberg. Hermann Summa hat vor fünf Jahren der Stadt Selb mitgeteilt, dass er im Schausteinbruch auf der Häusellohe einen Pechstein für den Goldberg hätte, mit dem man hier die Teerbrennerei zeigen könne. Und sofort wurde er vom Bauhof umgesetzt. Jedes Mal zum Wiesenfest, welches traditionell auf dem Platz stattfindet, schwitzt Hermann Summa, weil er befürchtet, der Pechstein könnte angefahren werden. Wenn er schief steht, läuft er nicht mehr. Aber zum Glück ist bis jetzt nie etwas passiert. An dieser Stelle betont Hermann Summa, wie gut die Unterstützung durch die Stadt Selb ist. Ohne sie wäre all diese Arbeit nicht möglich gewesen. Am Samstag vor dem Mediaval-Wochenende beginnen die Köhler mit dem Aufbau und am Donnerstag kann der Meiler dann im Normalfall angezündet werden. Dies ist heuer nun ganz anders, da auf Grund der anhaltenden Trockenheit bis vor zwei Tagen offenes Feuer verboten war. Daher gibt es einen Schaumeiler, der nicht brennt. Ebenso den Pechstein, der nicht in Betrieb ist. Allerdings kann man dafür bei Beiden ins Innere schauen und den Aufbau genau studieren, was sonst nicht möglich wäre. Die Schmiede der Köhler wird allerdings in Betrieb gehen. Und hinter uns lodert ein knisterndes Lagerfeuer. Ab heute schlafen die Köhler im Lager. Ein Besuch bei Ihnen lohnt sich auf jeden Fall!

Elke Schertel

Comic

Basseltan

Am ersten Tag Bläckys Bus zu öffnen kann mordsgefährlich sein. Oder auch der Startschuss für die schönste Zeit auf dem Goldberg mit der Crew.

Wir sind die Bunten

Kapitäne, Orks und Heiden im Literaturzelt

Endlich geht es wieder los! Das Literaturzelt auf dem Festival-Mediaval hat euch in diesem Jahr ein paar echte Perlen der deutschen Historien- und Fantasy-Literaturszene eingeladen. Und so eröffnet am heutigen Donnerstag um 15:45 Uhr direkt eine echte Instanz der deutschen Fantasy das abwechslungsreiche Lesungsprogramm: Gemeinsam präsentieren euch die Bestsellerautoren Bernhard Hennen und Robert Corvus den aktuellen Teil ihrer Phileasson-Saga, die euch in die mystische Welt von Aventurien entführt (bekannt aus dem beliebten Pen-and-Paper-Spiel „Das Schwarze Auge“). Die Folk-Band Schattenweber wird die Lesung mit eigens zur Saga komponierten Liedern musikalisch untermalen. Lasst euch faszinieren! Weiter geht es mit einem Programmpunkt, der euch alles geben wird außer trockenen Fakten: Friedhelm Schneidewind, seines Zeichens Vampirologe, Drachen-Spezialist, Musiker und Harry-Potter-Experte hat aus den Werken, dem Leben und vielen Anekdoten aus der Arbeit des Großmeisters J.R.R. Tolkien ein erstaunliches „neues, großes Tolkien-Lexikon“ geschaffen, das weit über eine lose Faktensammlung hinausgeht. Euch erwartet eine spannende Darbietung, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet!
Aus Tolkiens Fantasywelten entführt der mittelhessische Autor Jörg Olbrich euch im Anschluss in die dunkle Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Erinnert Ihr Euch an den Prager Fenstersturz? Den überlebte im „Winterkönig“ der Sekretär Philipp Fabricius nahezu unbeschadet. Olbrich wob eine spannende Geschichte um zwei Sekretäre und deren Familien vor dem Hintergrund des Streits zwischen Protestanten und Katholiken, der sechs Millionen Menschen das Leben kostete. Wenn Ihr wissen möchtet, wie es weiter geht, kommt am Sonntag zur Premierenlesung von „Der tolle Halberstädter“.
Musikalisch wird es im Anschluss mit Luci van Org. Die großartige „Mehrzweckentertainerin“ ist nicht nur ehemaliges Mitglied der Popband Lucilectric, sie schreibt mittlerweile vergnügliche Texte aus dem unerschöpflichen Themen-Fundus der germanischen Mythologie. Auf dem Festival-Mediaval präsentiert sie euch Auszüge aus ihrem neuesten Werk, den „Geschichten von Yggdrasil“. Dass bei Lesungen von Luci van Org nicht einfach nur gelesen wird, versteht sich von selbst. Nicht nur, dass Luci mit den drei Oktaven ihrer Sängerinnenröhre jedem einzelnen Charakter Leben einhaucht, natürlich garniert sie das Ganze mit eigens für die Lesung komponierten, neuen Songs. Meist ganz intim und unverstärkt mithilfe ihrer akustischen Gitarre – und im Fall der „Geschichten von Yggdrasil“ mit.
Der Mediaval-Bote wollte von Luci wissen, warum sie praktizierende Heidin ist:
Warum ich Heidin bin? Weil sich für mich bereits der erste Kontakt mit Frigg, Thor, Odin und all ihren Kollegen anfühlte, wie endlich, endlich, endlich nach Hause zu kommen, als ich ihnen vor mittlerweile dreizehn Jahren begegnet bin. Vorher hatte ich es - nach Jahrzehnten als Christin und später zumindest noch als halbwegs christlich geprägter Mensch einfach nicht mehr geschafft, meine spirituellen Erlebnisse und Überzeugungen mit dem christlichen Weltbild irgendwie deckungsgleich zu bekommen. Nach einem ersten „Erweckungserlebnis“, das für diese Zeilen zu privat ist, aber eigentlich ganz unspektakulär war, habe ich dann, ganz aus dem Bauch heraus, damit angefangen zu opfern. Schnaps, Met, Räucherwerk. Den Gottheiten, die ich damals schon kannte und die mir in dieser Zeit am nächsten waren.
Und auch das Opfern fühlte sich in einer Weise selbstverständlich und wohltuend an, als hätte ich es schon mein Leben lang gemacht.
Fast wie im Rausch habe ich dann damit angefangen, erst einmal alles an Büchern zum Thema zu verschlingen, was ich in die Finger bekommen konnte. Ich hatte das Gefühl, ganz schnell all die Jahre aufholen zu müssen, in denen man mir diese wundervolle Welt, in der ich mich so geborgen, beschützt und zuhause fühle, vorenthalten hat. Diese wunderbaren Geschichten, die mit so viel Menschlichkeit von Gastfreundschaft, vom Wert der Wahlfamilie, von Freiheit (auch und ganz besonders in der Liebe), von Aufrichtigkeit und der Schönheit und Würde aller Kreaturen unserer Welt erzählen. Und, die mich zudem immer wieder neu die Wurzeln meiner Muttersprache entdecken lassen. „Wie kann das sein, dass ich erst jetzt von all dem erfahre?“, habe ich mich oft wütend gefragt. Obwohl ich die Antwort ja wusste. Denn natürlich gab es verdammt gute Gründe, weshalb zur Zeit meiner Kindheit in den Siebzigern kaum jemand die nordische Mythologie auch nur mir der Kneifzange anfassen wollte. Zu sehr hatten die Nazis die uralten Geschichten missbraucht, ihre Aussagen verdreht, die Namen der alten Gottheiten mit ihrem braunen Dreck besudelt. Zum Glück ist das heute ganz langsam wieder anders. Für alle, die es nicht wahrhaben wollen, trotzdem nochmal eins zur Erinnerung: Die Germanen waren KEIN Volk. Und schon gar keine „Herrenrasse“. Sondern ein Vielvölkergemisch unterschiedlichster Herkunft, zusammengehalten durch die Tugend der Gastfreundschaft. Unter den germanischen Gottheiten gibt es übrigens auch verdammt wenige Krieger (Odin zum Beispiel ist KEINER. Ehrlich! Einfach mal in den Eddas nachlesen!), dafür aber eine Menge sehr coole Typen mit - körperlichen wie geistigen- Behinderungen, Männer, die Frauenkleider tragen, Gestalt- und Geschlechtswandler und Mitglieder von Patchwork- und Wahlfamilien, in denen kaum etwas so unwichtig ist wie Blutsverwandtschaft. Ja, tatsächlich, auch, wenn es viele nicht hören wollen. Einfach mal die Eddas lesen und sich selbst überzeugen: Das germanische Pantheon ist nichts anderes als fröhlich - inklusives, super- gastfreundliches, herrlich polymorph- perverses Mega- Multikulti. Wir sind die Bunten! Bei uns gibts Kekse! Und Met! Und besseren Sex! Noch Fragen, weshalb ich Heidin bin?
Zum krönenden Abschluss des heutigen Literaturzeltprogramms gibt sich Bestseller-Autor, Filmproduzent, Comedian und Fantasy-Tausendsassa Tommy Krappweis die Ehre, mit Luci van Org zu einer gemeinsamen Session zu laden.

Astrid Rauner